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Wie wird man Großmeister?

Schach in der DDR

Vita

Wie wird man Großmeister?

Letzte Änderung: 12.4.2001

QUANTITÄT

Der viele Nichtschachspieler interessierende rein technische Vorgang des Titelerwerbs soll hier nicht erklärt werden. Für Schachspieler ist die Frage interessanter, wie man zu der Spielstärke eines Großmeisters gelangt. Erwarten Sie jedoch bitte nicht, dass ich das Ei des Kolumbus enthülle.

Zunächst mal, ich fing zeitig an mit dem Schach spielen, etwa als ich 5 Jahre alt war. Das ist kein hinreichendes Kriterium, denn andere beginnen noch zeitiger an und werden dennoch nicht Großmeister. Wieder andere lernten Schach viel später und drangen bis in die Weltspitze vor. Schädlich ist es aber sicher nicht, wenn man zeitig anfängt.

Mit meiner Begabung sah es wohl auch ganz ordentlich aus. Jedenfalls habe ich bereits bei meinen ersten Schachturnieren gegen Spieler, die schon viel länger dabei waren, erfolgreich abgeschnitten.

Ein einzelnes Faktum ist es natürlich nicht, welches manche zu Groß- und andere zu Kleinmeistern werden lässt. Aber wenn überhaupt, dann ist es schlicht die Quantität der schachlichen Studien.

Bild: Ausschnitt Trainingstagebuch 1967 mit Datum, Trainingsinhalten und Stundenzahl

QUALITÄT

Die umfangreiche schachliche Betätigung ist die eine Seite, doch wichtig ist auch, die Qualität. Da beim Schach auch der Wettkampf selbst ein nicht ganz unwichtiges Trainingsmittel darstellt, liegen hier die besten Möglichkeiten, um eine hohe Qualität des Trainings zu erreichen: Man muss eben möglichst oft gegen stärkere Gegner spielen. Diesbezüglich hatte ich einiges Glück in meiner Schachlaufbahn. Ich durfte z.B. die U18-Meisterschaft 1967 mitspielen, ohne dass ich mich dafür qualifiziert hatte.

Vielleicht darf ich in diesem Zusammenhang eine kleine Geschichte erzählen. Es war im April 1970, ich war 17 Jahre alt und besetzte für die SG Leipzig in der Sonderliga (-> Oberliga) das Jugendbrett. Damals wurde noch im vollen Scheveninger System gespielt, d.h. ich durfte gegen alle 8 Bretter der anderen Mannschaften antreten. Nach wenigen Minuten der allerletzten Runde der Endrunde in Dresden stand unser Sieg fest. Leipzig war nicht zuletzt wegen meines Beitrages – 14,5 aus 20 waren das zweitbeste Resultat aller Spieler – Mannschaftsmeister geworden. Wenig später hatten sich alle (auch im Parallelkampf Halle-Dresden) auf Remis geeinigt – bis auf meine Partie. Da spielte ich gegen den frisch gebackenen DDR-Meister Dr. Fritz Baumbach und hatte nicht die geringste Lust auf remis. Ich nahm es in Kauf, dass meine Mannschaftskameraden ohne mich heim fuhren und so mancher (auch von anderen Mannschaften) sein Unverständnis zum Ausdruck brachte (übrigens nicht mein Gegner). Bald saß ich mit Baumbach und dem Schiedsrichter allein da. Und es wurde eine interessante Partie, wenngleich man heute bei der Analyse mit einem Schachprogramm den verwegenen Angriff schnell widerlegt.

Partie Knaak-Baumbach, Dresden 1970

Angesichts dieses Opfers fällt mir ein Kapitel von Dvoretzky in seinem Buch „Moderne Schachtaktik“ ein. Da hat er zwei meiner Angriffspartien seziert. Er geht auch darauf ein, dass ich in dem Glauben opferte, dass diese Opfer völlig korrekt wären. Und er zitiert dann Weltmeister Mikhail Tal: „Ein Spieler riskiert tatsächlich nur dann wirklich etwas, wenn es ihm auch tatsächlich bewußt ist, daß er etwas riskiert.“ (bei Dvoretzky: Moderne Schachtaktik S. 152) (Die beiden Partien werden hier gelegentlich analysiert werden.)
Aber auch auf die Partie Knaak-Baumbach trifft Dvoretzkys Einschätzung voll zu: Ich habe an den Angriff geglaubt und wollte auch nach der Partie nicht meine Fehleinschätzung einsehen.

Die kleine Geschichte soll auch nicht beweisen, dass ich nur so Großmeister werden konnte. Ein paar notwendige Eigenschaften treten dennoch zu Tage:

1. Ein wenig Egoismus (Da man beim Schach Gegner bezwingen muss, sollte man kein allzu großer Altruist sein)
2. Ausgeprägter Ehrgeiz (Dazu muss nicht viel gesagt werden)
3. Pragmatismus (Partien gegen starke Gegner sind das beste Training)